Update: 31.08.2010

Der wiederentdeckte Bismarckturm
Der Bismarckturm in Eger

Am 23.08.1891 wurde auf dem 637 m hohem Grünberg ein 14 m hoher hölzerner Aussichtsturm eingeweiht. Bereits im Jahr 1907 musste der Turm, der vom Egerer Verschönerungsverein errichtet worden war, wegen Baufälligkeit gesperrt werden.


Bauplanung und Finanzierung

Im Februar 1909 regte Max Künzel den Bau eines steinernen Bismarckturmes auf dem Grünberg an. Der hölzerne Aussichtsturm wurde kurz darauf abgerissen.

Zwecks Bau eines Bismarckturmes auf dem 637 m hohen Grünberg wurde unter Vorsitz von Max Künzel aus Eger (Vorsitzender des Verbandes Vohburg, des Bundes der Germanen in Eger und späterer Bürgermeister von Eger) ein Ausschuss für den Bau eines Bismarckturmes gebildet. Weitere Mitglieder des Ausschusses waren Dr. Edmund Jäger (Abgeordneter der Alldeutschen im Reichsrat) und Dr. Alfred Bernardin (Landtagsabgeordneter der Alldeutschen Partei).

Der Ausschuss wählte den Entwurf des heimischen Architekten Rolf Beier zur Ausführung aus. Mit der Durchführung der Arbeiten wurde Maurermeister Georg Zuber aus Lapitzfeld beauftragt.

Bauherren waren der Egerer Verschönerungsverein und die Stadtgemeinde Eger.

Am 22.05.1909 wurde in der Zeitung von Eger ein Spendenaufruf zur Finanzierung des Turmes gestartet. Innerhalb kurzer Zeit waren genügend Spendengelder eingegangen, so dass bereits im Sommer 1909 mit dem Bau des Turmes begonnen werden konnte.


Bauarbeiten

Die Bauarbeiten fanden zwischen Juni und September 1909 statt. Als Baumaterial wurden Bruchsteine und Beton verwendet.


Einweihung des Turmes

Am 03.10.1909 konnte der 18 m hohe Aussichtsturm mit Feuerschale eingeweiht werden. Ein Festzug von ca. zweitausend Bürgern bewegte sich vom Kaiser-Joseph-Denkmal durch die Stadt Eger zum Grünberg. Der Bismarckturm wurde vom Vorsitzenden des Bauausschusses nach einer Festrede an die Stadt Eger übergeben.

Nach Angaben der Zeitung der Alldeutschen Partei (Egerer Neueste Nachrichten) nahmen 12.000 Festteilnehmer an der Einweihung teil.


Baubeschreibung

Über eine Außentreppe mit sieben Stufen erreicht man die auf der Eingangsebene gelegene Tür (ursprünglich massive eiserne Eingangstür) des 18 m hohen Aussichtsturmes mit quadratischem Grundriss. Auf der früheren Eingangstür war mittig ein großes rundes Wappenschild mit einem sechszackigen Stern angebracht. Sie war zudem oben und unten mit jeweils einem Schwert verziert.

Die Eingangsebene ist baulich etwas zurückgesetzt. Die Basis des Turmes und der eigentliche Turmschaft sind an den vier Seiten durch Säulenblöcke (vier Säulen über mit Kapitell), mittig auf jeder Seite durch ein Säulenpaar (zwei nebeneinander liegende Säulen mit Kapitell) optisch voneinander getrennt.

Hinter der Eingangstür führt eine Wendeltreppe im Innern zum Rednerbalkon oberhalb des Einganges und dann weiter zur Aussichtsplattform auf der Turmspitze mit Feuerschale. Die Treppenhauswände wurden mit 43 Granitplatten verschiedener Größen und Runeninschriften ausgestattet.

Im Treppenhaus wurde unterhalb des Fensters auf der Frontseite ein Steinrelief mit einem evangelischen Symbol (Osterlamm mit Kreuz und weißem Tuch, symbolisiert die Auferstehung nach dem Tode) angebracht.

Oberhalb des Rednerbalkons wurde ein Bismarck-Relief in Bronze eingelassen, welches von Bildhauer Pfrötzschner aus Berlin-Charlottenburg gefertigt worden war.

Folgende Wappen/Symbole wurden erst nach der Einweihung (zwischen 1909 und 1918) angebracht:

Rechtsseitig des Bismarck-Wappens wurde ein Wappen von Martin Luther (fünfblättrige Rose mit einem Herz und einem Kreuz in der Mitte) befestigt. Dieses Wappen war ein Geschenk des ehemaligen Vikars Hans Lehmann aus Königsberg (Böhmen).

Auf der vom Eingang gesehen rechten Seite des Turmes wurden ebenfalls zwei Wappen angebracht. In etwa 7 m Höhe wurde linksseitig ein Bismarck-Wappen, rechtsseitig auf gleicher Höhe wurde das Symbol (Flügelrad) von Georg Ritter von Schönerer (Führer der "Alldeutschen" in der Ostmark, Erbauer des Bismarckturmes in Rosenau/Österreich) angebracht.


Geschichtliche Hintergründe und Hinweise zur Symbolik

Der Grünberg lag nach 1867 (Norddeutscher Bund) bzw. 1871 (Gründung des Deutschen Reiches) im Rahmen der kleindeutschen Lösung auf der Trennlinie zwischen den beiden Kaiserreichen Deutsches Reich und der k.k.-Monarchie Österreich-Ungarn.

Viele Deutsch-Böhmen in Eger fühlten sich nicht zu Böhmen gehörig und forderten eine Großdeutsche Lösung. Der Konflikt wurde durch die Sprachverordnung der Wiener Regierung vom 05. April 1897 noch verschärft. Graf Badeni legte damit die doppelsprachige Amtsführung (deutsch und tschechisch) für Böhmen und Mähren fest. Alle deutschen Beamten sollten z.B. bis 1901 die tschechische Sprache beherrschen. Daraufhin folgte die sogenannte Badeni-Krise mit zahlreichen Ausschreitungen in Wien, Graz und Prag, die zum Rücktritt Badenis führte. Die Sprachverordnung wurde am 14.10.1899 komplett aufgehoben.

Diese Krise führte zur Gründung der „Los von Rom-Bewegung“ von Georg von Schönerer, eine politische Strömung Anfang des 20. Jahrhunderts in Österreich zur Förderung des Konfessionswechsels vom römisch-katholischen zum evangelischen [oder altkatholischen] Glauben.

Auf den Granitplatten wurden in der germanischen Runenschrift u.a. die Namen der Mitglieder des Ausschusses zum Bau des Bismarckturmes sowie Widmungen von deutschen Vereinen und Verbänden verewigt.

Der Stern auf der Eingangstür symbolisierte laut germanischer Mythologie das Universum. Der äußere Bereich des Schildes bestand aus einem Muster, welches an Sonnenstrahlen erinnert.

Die Verwendung evangelischer Symbole in Zusammenhang mit der Verwendung germanischer Symbole ist im Zusammenhang mit der „Los von Rom-Bewegung“ zu sehen.


Geschichte des Bauwerkes

Im August 1913 wurde der Bau einer Schutzhütte von Max Künzel angeregt. Nach dem Entwurf des Architekten Rolf Beier aus Eger wurden 1914/1915 zwei Blockhäuser mit Egerländer Fachwerksgiebel (Gaststätte und Unterkunftsbau) von den Baumeistern Kreuzer und Leistner unterhalb des Turmes errichtet. Die Einweihung beider Gebäude erfolgte am 01.04.1915. Diese Häuser wurden vor 1965 zerstört.

Bis Ende August 2001 war im deutschsprachigen Gebiet offiziell nicht bekannt, dass dieser Bismarckturm noch erhalten ist.

Nach dem 2. Weltkrieg stand das Bauwerk im militärischen Sperrgebiet. Im Jahr 1973 wurde 200 m vom Bismarckturm entfernt ein Fernsehturm errichtet.

Lediglich Grenzsoldaten und ausgewählte Mitarbeiter eines Fernsehsenders durften dieses Gebiet betreten. So geriet der Turm auch in der heimischen Bevölkerung in Vergessenheit. Auf einem Wegweiser auf den Grünberg wurde der Turm bis 1999 als "abgebrochen" bezeichnet. In deutschen und tschechischen Wander- und Landkarten wurde der Turm teilweise nicht aufgeführt oder als "abgerissen" angegeben.

Die Egerer Zeitung berichtete seit Mai 1990 zwar mehrfach vom Turm, doch außerhalb von Eger wurde dies nicht wahrgenommen. In einer tschechischen TV-Serie (ca. 1999) über Aussichtstürme in Tschechien wurde auf diesen Turm von Professor Jan Nouza (Universität Liberec) erstmals im TV aufmerksam gemacht. Doch blieb der mittlerweile sanierungsbedürftige Turm weiterhin unbeachtet und im deutschsprachigen Gebiet unbekannt.

Ein Tschechien-Experte (Holger Wittig aus Greiz) meldete, nachdem er auf dieses Portal aufmerksam geworden war, dass dieser Bismarckturm noch erhalten ist. Er dokumentierte den Zustand des Turmes u.a. durch Fotos.

Das Bismarck-Relief wurde zwischen dem 19. September 1993 und August 2001 entfernt. Die steinerne Lutherrose wurde im Jahr 2002 entfernt.

Der Treppenaufgang (bis auf die unteren Stufen) und die Innenwände waren im Jahr 2001 noch in gutem Zustand. Die eiserne Eingangstür war verbogen und angerostet, der Rednerbalkon noch erhalten. Das Geländer der Aussichtsplattform fehlte fast vollständig. An der Einfassung des noch erhaltenen Feuerschalengestells bröckelte der Beton. Der obere Feuerschalenaufsatz war ebenfalls nicht mehr vorhanden.

Zwischen August 2001 und Anfang 2005 wurde die massive Eingangstür entfernt und durch eine Gittertür ersetzt.

Der Turm wurde im August 2002 gesperrt. Die Stadtverwaltung Eger kaufte dem Staat das Grundstück unterhalb des Bismarckturmes ab.

Das Bauwerk wurde bis Juni 2005 für zwei Millionen Kronen komplett saniert. Die sichtbehindernden Bäume im Aussichtsbereich des Turmes wurden beseitigt.

Bereits am 12.06.2005 ab 10:00 Uhr fand am Turm ein Touristenfest statt, welches von der Stadt Cheb in Zusammenarbeit mit der Stadt Waldsassen organisiert worden ist. Touristenmarken (Plaketten mit Motiven) und Infomaterial wurden ausgegeben.

Das 100-jährige Jubiläum des Turmes wurde am 20.06.2009 begangen.


Öffnungszeiten (Stand: 2010):

Vom 01.04. bis 31.10. täglich von 09:00 bis 18:00 Uhr


DVD und Plakat

Über die Stadtinformation Cheb können eine DVD und ein Panoramaplakat zum Bismarckturm bezogen werden. Die DVD enthält einen 10-minütigen Film (ohne Text, mit Hintergrundmusik) über den Turm im Jahr 2000, die Sanierung und die Neueröffnung am 12.06.2005.
Kosten: Plakat 30,-Kč oder 1 EUR, DVD 120,-Kč oder 4,-EUR.

Bestellbar unter brabacova@mestocheb.cz


Links

Google Maps

Google Earth

100 Jahre Bismarckturm Eger / Cheb

Link zur Turm-Seite von Prof. Jan Nouza (englisch)


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 125
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes; 8. Jahrgang 1910 (S. 19-20)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 163 "Bismarckfeuersäule bei Eger in Böhmen", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Pöllmann, Werner: "100 Jahre Aussichtsturm auf dem Grünberg in Eger - Ein Bismarckturm, der keiner sein durfte", 20.06.2009 (übermitteltes Word-Dokument des Verfassers)
- Steffen, Claus: "Bismarcktürme und Bismarcksäulen" in ASSKO-Ascherländchen, Nr. 10 (2002), S. 47
- Wittig, Holger: Dokumentation des Bauzustandes in Worten und Bildern, August/September 2001


Fotografen

- Holger Wittig, Greiz (August / September 2001)

- Werner Pöllmann, Markneukirchen (19.09.1993)

- Ralph Männchen, Dresden (August 2005 und August 2008)


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