Update: 07.04.2016

Der Turm auf dem Scheersberg
Der Bismarckturm in Quern (Steinbergkirche)

Bauplanung

Bereits noch zu Lebzeiten Otto von Bismarcks gab es in der Region Angeln Bestrebungen, Bismarck ein Denkmal zu setzen, um Dankbarkeit für die Befreiung vom „Dänenjoch“ und die Errichtung des Deutschen Reiches auszudrücken.

Im Frühjahr 1899 regten einige Männer aus Angeln an, einen Bismarckturm zu errichten.

Am 29.05.1899 kamen dreizehn Hof- und Gutsbesitzer zusammen, um die Errichtung eines Bismarckturmes konkret zu planen. Vorsitzender des Komitees wurde Jacob Nissen, Hofbesitzer in Groß-Quern.

Am 02.06.1899 meldeten die dreizehn Männer in der Presse (Schlei-Bote) "eine Aufforderung zur Errichtung eines Bismarck-Thurmes auf dem schönsten Aussichtspunkte Angels, dem Scheersberge".

Der als Bauplatz vorgesehene Scheersberg liegt zwischen Groß-Quern und der Bahnstation Nübelfeld; ein historischer Ort, auf dem in frühgeschichtlicher Zeit Grabhügel errichtet worden waren.

Am 17.06.1899 um 15:00 Uhr wurde eine Versammlung einberufen. Sämtliche Amtsbezirke und Städte der Umgebung waren zu dieser Veranstaltung eingeladen worden. Hier wurde der Bau des Bismarckturmes endgültig beschlossen. Ein zu diesem Zweck gegründetes 15-köpfiges Scheersberg-Komitee unter Vorsitz von Jacob Nissen kümmerte sich um Art und Finanzierungsmöglichkeiten des geplanten Bauwerks. Als Termin für die Grundsteinlegung wurde der 01.04.1900 avisiert.

Finanziert wurde der Bau durch Spendensammlungen in den Städten Flensburg, Schleswig, Kappeln und Glücksburg. Flensburg stiftete 1.600 Mark, die Sparkassen in Grundhof und Steinberg jeweils 1.000 Mark. Von Korporationen, Gemeindeverbänden sowie Einzelpersonen wurden Quadersteine für den Turmbau gestiftet.

Anfang März 1900 war der Turmbaufonds bereits auf 10.000 Mark angewachsen. Die Gesamtbaukosten schätzte man auf ca. 15.000 Mark. Ein genauer Turmentwurf stand zu dieser Zeit noch nicht fest, mehrere Entwürfe wurden vom Komitee geprüft.

Im Juni 1900 einigte man sich auf den Turm-Entwurf des Architekten Alexander Wilhelm Prale aus Flensburg, der diesen kostenlos zur Verfügung stellte. Der Baukostenanschlag erhöhte sich auf ca. 30.000 Mark, sodass Spendensammlungen in den Landkreisen Flensburg und Schleswig durchgeführt wurden. Durch beschriftete Spendensteine kamen knapp 10.000 Mark in den Turmbaufonds.

Am 04. Oktober 1902 wurde dem Turmkomitee beim Richtfest des Bismarckturmes eine vom früheren Stadtrat Carl Georg Andresen aus Flensburg geschenkte Fahnstange zur Krönung des Bauwerkes übereignet.

Am 11.01.1903 fand ein Konzert zum Besten des Bismarckturms statt.


Bauarbeiten

Die feierliche Grundsteinlegung erfolgte am 18.07.1900. Landrat Emil Pfeffer hielt die Begrüßungsansprache, Jacob Nissen wies in seiner Festrede darauf hin, dass der Bauplatz durch die frühgeschichtliche Gräberstätte geweihter Boden sei. Zur Grundsteinlegung erschien eine Festschrift.

Für den Bau des Bismarckturmes musste ein großer Grabhügel mit zwei Grabkammern komplett abgetragen werden. Die freigelegten Findlinge wurden für das Fundament verwendet.

Architekt Alexander Wilhelm Prale aus Flensburg übernahm die Bauleitung. Die Maurerarbeiten führten Baumeister Nikolas Clausen aus Steinbergkirchen und Peter Schmidt aus Steinberghaff aus.

Als Baumaterial für den quadratischen Unterbau und das Erdgeschoss wurden Granit-Findlinge, z.T. aus der unmittelbaren Umgebung des Bauplatzes, verwendet. Sämtliche Granitquader des Untergeschosses tragen die Namen der Stifter (132 Orte, 193 Personen, 21 Landwirtschaftliche Vereine, 12 Kriegervereine, 7 Gesangsvereine, 11 Spar- und Leihkassen, 4 Zeitungen, 3 Meiereien, 1 Studentenverbindung sowie mehrere Innungen, insgesamt ca. 380 Spendersteine mit 5156 Buchstaben).

Die Steine konnten für 20 Mark erworben werden. Für jeden Buchstaben der eingemeißelten Inschrift waren 40 Pfennig zu zahlen. Die Granitsteine waren teilweise aus Schweden durch die Firmen Schlauch und Rösler in Kiel sowie Rhode in Flensburg bezogen worden.


Turmbeschreibung

Der 20 m hohe Aussichtsturm ohne Befeuerungsvorrichtung im neugotischen Stil besteht aus einem viereckigen Vorbau auf der Westseite, welcher direkt an den Turm mit quadratischen Grundriss anschließt.

Der Vorbau (5,60 m x 4,88 m) und der Sockel des Turmes (6,00 m x 6,00 m) wurden in Granitbauweise errichtet.

Die beidseitig mit einer Granitmauer begrenzte Freitreppenanlage mit insgesamt sechs (ehemals sieben) Stufen führt auf die Terrasse des Turm-Vorbaus (0,90 m oberhalb der Treppe) auf der Westseite. Die untere Stufe hat eine Breite von 2,90 m, die weiteren Stufen haben eine Breite von 2,60 m. Der Vorbau ist von 2,00 m hohen Mauern begrenzt.

Über drei Stufen ist der 0,43 m oberhalb der Terrasse gelegene Eingang zu erreichen.

Der 2,82 m hohe und 1,10 m breite Eingang ist mit Backsteinen verkleidet und weist einen Staffelgiebel auf. In den Giebel ist eine Marmortafel mit dem Ausspruch Bismarcks

"Wir Deutsche fürchten Gott, /
sonst nichts in der Welt!
"

angebracht, darüber ein plastisch hervortretender Bismarck-Kopf (Höhe: 0,85 m) aus Bronze, gefertigt von der Kunstgießerei von Schäffer und Walker in Berlin.

Durch den Eingang gelangt man in eine Bismarck-Gedächtnishalle. Zwischen zwei Buntglasfenstern ist hier ein bronzenes Bismarck-Relief, darunter eine Bismarck-Erinnerungstafel aus Marmor mit der Inschrift

"Zur Erinnerung /
 an den ersten deutschen /
Reichskanzler /
Fürst von Bismarck /
wurde dieser Thurm /
von der Landschaft Angeln /
und den anliegenden Städten /
erbaut in den Jahren /
1900 - 1903."

angebracht.

Der Aufstieg ist über Innentreppen möglich. Linksdrehend beginnt die Innentreppe mit zwei Steinstufen, dann führen 21 Stufen einer Holztreppe zur 1. Etage, weitere 20 Stufen zur 2. Etage und 22 Stufen zur 3. Etage.

Es folgt eine linksdrehende Mittelwendeltreppe mit 24+1 Stufen bis zur metallenen Ausgangstür (Ostseite) im turmartigen Aufsatz mit Zeltdach mittig der Plattform. Die Gesamtstufenzahl aller Treppen beträgt 90.

Auf dem Sockel erhebt sich der eigentliche Turmschaft, der mit Backsteinen in norddeutscher Art verkleidet ist. Das Bauwerk ist mit vielen Vorsprüngen, Nischen, Fenstern, Rundbögen, Bändern und Auskragungen aufgelockert.

Auf halber Höhe der Eingangsseite wurde, tief in einem Rund eingelassen, ein ungewöhnlich gearbeitetes Bismarck-Wappen (mit Blumen geschmücktes Kleeblatt mit bekröntem Bismarck-Wappen als Herzschild) angebracht.

Über dem Obergeschoss (mit Spitzbogenfenstern) erhebt sich eine leicht vorkragende Aussichtsplattform mit Zinnenbrüstung und Wasserspeiern.

In der Mitte der Plattform erhebt sich der turmartige Aufsatz (sog. Laterne) mit Zeltdach und Fahnenstange. Nach dem Austritt folgt ein zinnenbekrönter viereckiger Umgang. An den Zinnen sind auf der Innenseite Spendernamen zu lesen.

Zwischen dem unteren und dem mittleren Fenster sind auf drei Seiten auf weißen rechteckigen Feldern folgende Inschriften angebracht:

KREIS SCHLESWIG (Südseite)
LANDKREIS FLENSBURG (Ostseite)
STADTKREIS FLENSBURG (Nordseite)

Auf die Installation einer Feuerschale wurde verzichtet, jedoch wurden an den Ecken der vorliegenden Terrasse im Eingangsbereich zwei große eiserne Kandelaber mit Feuerbecken angebracht.


Turmgeschichte

Am 05.06.1903 fand die feierliche Einweihung des Bismarckturmes statt. Es nahmen 2.000 Personen an der Feier teil. Als geladener Ehrengast war Kurt Freiherr von Wilmowski (Oberpräsident der Preußischen Provinz Schleswig-Holstein von 1901 – 1906) anwesend. Jacob Nissen hielt die Weiherede und übergab das Bauwerk in Obhut der Polizeibehörde. In den Abendstunden wurde der Turm illuminiert und mehrfach bengalisch beleuchtet. Um 23:00 Uhr wurden sechs Raketen gezündet, auf den Düppeler Höhen sowie vom Bismarckturm Knivsberg wurden gleichzeitig ebenfalls Raketen gezündet.

Nach der Einweihung waren die Kosten des Turmes über einige Jahre noch nicht gedeckt.

Am 05. Januar 1904 wurde den Wirtsleuten des benachbarten Gasthauses vertraglich vom Komitee die Aufsicht über den Turm übertragen. Die Gastwirtfamilie sowie deren Sohn übernahmen jahrzehntelang die Verantwortung über das Bauwerk. Diese Tradition wurde vom Gastwirt Eckhard Szidat fortgeführt (Stand: 2012).

Im Jahr 1906 stiftete die Schleibank in Kappeln 100 Mark und das dortige Krankenhaus 200 Mark für den Bismarckturm.

In den Jahren 1906/1907 regten die Sparkassen in Angeln auf ihrem Verbandstag an, bezüglich der Tilgung der Bismarckturm-Schulden  Beihilfen zu gewähren. Es war geplant, im Bismarckturm ein kleines Museum einzurichten, in dem Erinnerungsgegenstände, vorwiegend aus dem deutsch-dänischen Krieg, ausgestellt werden sollten.

Das Bauwerk ging im Jahr 1910 in das Eigentum des Landkreises Flensburg über. Im Jahr 1914 wurden dem eingerichteten Museum mehrere wertvolle Gegenstände geschenkt.

Im Jahr 1927 wurde in der Nähe des Bismarckturmes das sog. Wallroth-Haus gebaut, in dem u.a. eine Jugendherberge untergebracht war. Beide Gebäude wurden 1992 unter Denkmalschutz gestellt.

Von 1921 bis 1933 wurde auf dem Scheersberg das Nordmarkfest (Sport- und Spielfest) ausgerichtet. In der Zeit des Nazi-Regimes diente das Gelände des Bismarckturmes u.a. als Platz für Jungvolk-Aufmärsche und Fackelzüge.

Ab 1947 wurde jährlich auf Initiative des Jugendhofes ein Sport- und Spielfest ausgerichtet.

1963 wurde der Turm nach 18-monatiger Renovierung wiedereröffnet. Im ersten Stock wurde 1963 eine von Bildhauer Siegbert Amler aus Glücksburg geschaffenes Bronze-Relief mit der Inschrift (Bismarck-Zitat)

WIR /
SIND NICHT /
AUF DIESER /
WELT, /
UM GLÜCKLICH /
ZU SEIN UND /
ZU GENIESSEN /
SONDERN /
UM UNSERE /
SCHULDIGKEIT /
ZU TUN.
B I S M A R C K

angebracht.

Im Jahr 1968 wurde das Bronze-Relief von Studenten aus Kiel und Flensburg, die an einem Seminar zur „Demokratie und Autorität in der Schule“ im Jugendhof teilnahmen, aus dem Turm entfernt und in die Mitte des Festsaales des benachbarten Wallrothauses vor die anderen Studenten mit den Worten „Ein Scheißwort, das muss jetzt unser Thema sein!“ gebracht. Dies führte in der 68er Zeit zu einem großen Medieninteresse, sodass hochrangige Beamte des Kultusministeriums anreisten und sich zu dieser mittlerweile bundesweiten öffentlichen Diskussion äußerten. Nach längeren Streitgesprächen wurde entschieden, dass die Bronzetafel unverändert wieder an ihren alten Platz gebracht wurde. Zum allgemeinen Konsens müssten dem Bismarck-Zitat als viertes Wort „NUR“ und nach dem „SONDERN“ das Wort „AUCH“ eingefügt werden.

Der Bismarckturm war ab dem 24.03.1974 Eigentum des neu gegründeten Kreises Schleswig-Flensburg.

Eine weitere Turm-Sanierung erfolgte im Jahr 1985.

Seit 1995 wird jährlich in den Sommermonaten "Kunst im Turm" angeboten (Stand: 2012). Regionale Künstler erhalten hier die Möglichkeit, ihre Arbeiten einem breiten Publikum zu präsentieren.

Im Jahr 2003 wurde das 100-jährige Jubiläum des Turmes gefeiert. Am 23./ 24.08.2003 fand die zentrale Festveranstaltung, organisiert vom Turmausschuss Bismarckturm Scheersberg, statt.

Am 20.08.2010 wurde im Turm eine Bismarck-Büste, gestiftet von Günter Lohmann aus Lindaunis, aufgestellt.

Am 01.03.2013 wurde die Gemeinde Quern in die Gemeinde Steinbergkirche eingemeindet.

Im Oktober 2014 wurden bauliche Mängel (Korrosion an Eisenteilen, undichtes Dach) festgestellt, der Bismarckturm musste aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Das Bauwerk wurde mittels eines Zaunes gesperrt.

Eine Finanzierung der notwendigen Arbeiten durch den Kreis Schleswig-Flensburg ist noch unklar.


Öffnungszeiten: (Turm ist seit Oktober 2014 für Besucher gesperrt)

Jährlich besuchten 3.000 - 5.000 Interessierte den Bismarckturm.


Links

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Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 320/321
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM auf dem SCHEERSBERG (Schleswig-Holstein)
- Philipsen, Bernd: Der Bismarck-Turm auf dem Scheersberg – Einst ein nationales Symbol, heute ein Wahrzeichen der Landschaft Angeln“, Broschüre, hrsg. vom Grenzfriedensbund und der Internationalen Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg, Flensburg/Quern 2003
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 85 "Bismarck-Turm auf dem Scheersberg, Landschaft Angeln, Schleswig", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 1. Jahrgang 1903 (Nr. 3, S. 5; Nr. 4, S. 4), 2. Jahrgang 1904 (Nr. 11/12, S. 10), 3. Jahrgang 1905 (Nr. 2, S. 6), 4. Jahrgang 1906 (Nr. 4, S. 61), 5. Jahrgang 1907 (Nr. 3, S. 44; Nr. 5, S. 72), 8. Jahrgang 1910 (Nr. 9, S. 134), 12. Jahrgang 1914 (Nr. 6/7, S. 76)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 91 "Der Bismarck-Turm auf dem Scheersberg in Angeln"
- Arndt, Ludwig: „Militärvereine in Norddeutschland“, BoD 2008


Fotos

- Albrecht Behrends, Bochum (September 2005)
- Lars Lenzner, Hückeswagen (Juli 2007)
- Sven May, Gerichshain (März 2012)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (April 2016)