Update: 07.04.2013

Emil Spechts Bismarckturm
Der Bismarckturm in Aumühle

Vorbemerkung

Der Besitzer der Villenkolonie Sachsenwald-Hofriede, Emil Specht, regte den Bau dieses Bismarckturmes im Jahr 1897, noch zu Lebzeiten Bismarcks, an. Emil Specht hatte zuvor das Grundstück neben der Station Aumühle, der höchsten Erhebung von Aumühle (39 m über NN) von Otto von Bismarck erworben und darauf eine Villenkolonie angelegt.


Bauplanung

Entworfen wurde das als Aussichts- und Wasserturm mit einem Wasserbassin von 90 m³ konzipierte Bauwerk von Architekt Hermann Schomburgk aus Hamburg. Mit der 4 m hohen Turmhaube auf der Plattform erreichte das Bauwerk eine Höhe von 27 Metern.


Bauarbeiten

Die Bauarbeiten wurden von Baumeister Hackmack aus Hamburg in den Jahren 1898 und 1899 ausgeführt.

Als Baumaterial für den Turm verwendete man Ziegelsteine, die außen mit Zement verputzt wurden.


Turmbeschreibung

Der 27 m hohe Aussichts- und Wasserturm mit „Feuerungs“-Vorrichtung ist ein rundes Bauwerk mit einer oben auskragenden, zinnenbewehrten Plattform.

Durch den weißlich-grauen Anstrich des Putzes täuschte man ein Quadermauerwerk vor.

Der 3 m hohe runde Sockel des Turmes hat einen Durchmesser von 4,46 m. Der Mauerdurchmesser beträgt im Sockelbereich knapp einen Meter. Der Sockel schließt mit einem Schmuck-Gesims ab. Darauf erhebt sich der eigentliche runde Turmschaft, der sich bis zur auskragenden Aussichtsplattform in etwa 20 m Höhe nach oben hin leicht verjüngt.

Drei übereinanderliegende Rundbogenfenster am Turmschaft (in der 1. Etage ein Zwillings-Rundbogenfenster mit Überfangbogen) sorgen für Lichteinfall in das Bauwerk. Zwischen diesen beiden Rundbogenfenstern wurde auf einem mit Ornamenten versehenen hervorstehenden Tragstein eine 1,50 m hohe Bismarckbüste aus Bronze angebracht, die von Harro Magnusson modelliert und in der Württemberger Metallwaren-Fabrik in Geislingen hergestellt worden war. Die Büste war ein ehemaliges Geschenk von den Reedern Hamburgs zum 80. Geburtstag des Fürsten Bismarck. Eine in goldenen Lettern ausgeführte Inschrift "BISMARCK-TURM" wurde zwischen den Fenstern des 1. und 2. OG angebracht.

Auf der 4 m hohen Turmhaube in der Mitte der Plattform installierte man einen Scheinwerfer, der bis 1917 jeweils am 01. April und zur Sonnenwendfeier am 21. Juni abends in Betrieb genommen wurde.

Der Bismarck-Verehrer Emil Specht gestaltete den Turm auch innen mit vielen Wandmalereien, handgefertigten und mit Bismarckwappen versehenen Hockern und Armlehnstühlen aus Mahagoni richtete er die vier Etagen unterhalb des Wasserbassins als Bismarck-Museum und Bismarck-Bibliothek ein.

Im Erdgeschoss gelangte man nach Eintritt durch die schmiedeeiserne Tür an ein Pult, auf dem ein Fremdenbuch auslag. Über dem Stehpult (das heute als Bibel-Ständer im Bismarck-Mausoleum verwendet wird) war auf einer Widmungstafel (Foto siehe oben) folgender Text zu lesen:

Erbaut/
aus/
Dankbarkeit, Liebe und Verehrung/
für den/
Fürsten OTTO von BISMARCK/
von/
Emil Specht/
Sachsenwald-Hofriede/
1898/99

Oberhalb der Widmungstafel hing ein Bismarck-Wappen mit Geburts- und Todestag des ehemaligen Reichskanzlers.

Über eine eiserne Wendeltreppe gelangte man in den ersten Stock, in dem alle 312 Städte, in denen Bismarck zum Ehrenbürger ernannt worden war, mit Namen verewigt waren. Siebzig dieser Städte waren mit farbigen Städtewappen repräsentiert, die von den Malern Storm und Rössler aus Hamburg angefertigt worden waren.

Im zweiten Stock stellte der bismarckbegeisterte Emil Specht Bismarck-Erinnerungen und -Literatur aus. Der dritte Stock bildete die kleine Bismarck-Ruhmeshalle (mit Bildern und Sprüchen von Bismarck).

Die Gesamtstufenzahl bis zur Plattform (Wendeltreppe) beträgt 122 Stufen.


Turmgeschichte

Die Einweihung des Turmes erfolgte am 12.07.1901, nachdem der Termin zuvor mehrfach verschoben worden war, da Fürst Herbert Bismarck nach dem Willen Emil Spechts unbedingt an der Einweihung teilnehmen sollte.

Am Einweihungstag nahmen Fürst Herbert von Bismarck und Ehefrau teil. Nach den Klängen der Nationalhymne wurde die Bismarckbüste enthüllt und die Fahne auf der Plattform gehisst.

Ein Turmwärter Reimers, der im benachbarten Wärterhaus wohnte, öffnete das Bauwerk von 06:00 Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Der Eintrittspreis, der u.a. für die Unterhaltung des Turmes verwendet wurde, betrug 20 Pfennige für Erwachsene.

Von der etwa 60 Personen fassenden Plattform mit Zinnenfries hatte man einen Überblick auf die Villenkolonie Sachsenwald-Hofriede und den Sachsenwald.

Bis 1917 wurde das Bauwerk regelmäßig mit den installierten Scheinwerfern „befeuert“.

Der Turm diente u.a. als Wasserreservoir für die Villenkolonie sowie bis 1926, dem Todesjahr von Emil Specht, als Bismarck-Museum. Nach dem Tode Emil Spechts wurden die Bismarck-Sammlungen aufgelöst, ab 1927 wurde er ausschließlich aus Wasserreservoir genutzt.

Die Gemeinde zahlte bis zum Tode von Emil Specht jährlich 100 Mark (später: Reichsmark) für die Nutzung als Wasserreservoir. Einige Museumsstücke gingen im 2. Weltkrieg verloren, einige wurden in das heutige Bismarck-Museum in Friedrichsruh gebracht. Der Auer-Verlag aus Hamburg erwarb die Bismarck-Bücherei.

Im Jahr 1927 ging der Turm in das Eigentum der Gemeinde Aumühle über und wurde für den Besucherverkehr geschlossen. Das Wärterhaus wurde im Jahr 1937 zu einem Verwaltungsgebäude umgebaut und bis 1957 als Verwaltung genutzt.

Im Zweiten Weltkrieg diente der Turm als Beobachtungsstand für Luftangriffe. 1942 oder 1943 wurde die bronzene Bismarck-Büste abgenommen und eingeschmolzen. Zuvor konnte noch ein Abdruck gefertigt werden. 1943 wurde eine Kopie der Original-Büste aus Muschelkalk, gefertigt durch den Würzburger Bildhauer C. Birk, auf dem Trägerstein befestigt.

In den Kriegsjahren diente der Turm als Lager für eine umfangreiche Steinsammlung des pensionierten Lehrers Emil Duborg. In den Jahren 1945/46 wurden im Erdgeschoss Mandeln und Rosinen einer Berliner Südfrucht-Firma gelagert. Auch in den Folgejahren diente das Erdgeschoss als Lager für Möbel, Akten usw.

Seit 1962 wird der Turm von der Gemeinde als Bibliothek genutzt. Die Gemeindebibliothek umfasst heute die 1. und 2. Etage des Turmes, in der 3. und 4. Etage ist eine Ausstellung mit Bismarck-Gegenständen untergebracht.

Der Bismarckturm wurde seit Fertigstellung auch als Wasserturm genutzt. Der unter der Plattform befindliche Wasserbehälter hatte einen Durchmesser von 7 m und war 3 m tief. Die 4 sektorförmigen Kammern innerhalb des Behälters hatten ein Fassungsvermögen von ca. 90 m³. Das Wasser diente als Reserve für die Wasserversorgung von Aumühle sowie zur Konstanthaltung des Wasserdrucks im Wasserrohrnetz. Am 13.06.1974 wurde eine Druckerhöhungsanlage in Betrieb genommen.

Das 75-jährige Jubiläum des Turmes wurde am 28. und 29. August 1976 im Rahmen eines großen Festes gewürdigt.

In den Jahren 1985 und 1986 wurde der Turm umfangreich mit einem Kostenaufwand von 1,2 Millionen DM saniert. Dabei wurde der Wasserbehälter entfernt und neuer Raum für das Archiv geschaffen. Das Bauwerk wurde von außen weiß gestrichen. Im Jahr 1987 richtete man die Gemeindebücherei neu ein. Heute ist in der 5. Etage (ehemaliger Bassinraum) das Archiv der Gemeinde Aumühle untergebracht.

In den Jahren 1993 und 1997 stellte man erneut Schäden am Bauwerk fest. Durch ein Nylonnetz, welches um den Turmkopf gespannt wurde, gelang es, eine Gefährdung durch herabfallende Teile zu verhindern. Seit 1999 steht der Bismarckturm unter Denkmalschutz.

Im Jahr 2000 wurden erneut Schäden an der Turmfassade festgestellt. Sanierungsmaßnahmen wurden in den Jahren 2001 (Sockel) und 2003/2004 (Turmkopf, Gesims, Putz und Innenanstrich) durchgeführt. Das Nylonnetz wurde dabei entfernt.

Das Bauwerk ist in einem sehr guten äußerlichen Zustand (Stand: April 2010).


Öffnungszeiten der Gemeindebücherei:

Mi. + Fr. von 16:00 - 19:00 Uhr

Gemeindebücherei Aumühle, Bismarckallee 21, 21521 Aumühle, Tel.: 04104/9780-27

Seit Dezember 2006 werden jeweils samstags Besichtigungen des Turmes angeboten (Anmeldung erforderlich). Führungen an anderen Terminen sind ebenfalls möglich. Ansprechpartner für Führungen ist Gerd Möller (Tel.: 04104/2282).


Links

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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 42
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von AUMÜHLE/HOFRIEDE (Schleswig-Holstein)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 46 "Bismarck-Turm zu Sachsenwald-Hofriede", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 8. Jahrgang 1910 (Nr. 9, S. 130-133)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 48 "E. Spechts Bismarck-Turm in Sachsenwald-Hofriede“
- Ingel v. Tümpling, Greth: „Der Bismarckturm“ in „Aumühle im Sachsenwald“, Kurt-Viebranz-Verlag Schwarzenbek 1976, S. 116-122
- Prueß, Otto: Aumühle. Kurt-Viebranz-Verlag Schwarzenbek 2002, S. 41-46, S. 176-177
- Albrecht, Steffi und Graff, Kerstin: „Der Bismarckturm – Das Wahrzeichen Aumühles“, Schüler-Interview mit dem Stadtarchivar Nehlsen im Rahmen einer Schularbeit


Fotos

- Jörg Bielefeld, Remscheid (Februar 2002, April 2010)
- Henric Martens, Wentorf (Februar 2003)
- Lars Lenzner, Hückeswagen (Februar 2007)
- Ralph Männchen, Dresden (Februar 2011)
- Sven May, Gerichshain (März 2012)