Update: 18.08.2016

Der gründerzeitliche Bruchsteinbau
Der Bismarckturm im Göttingen

Bereits am 01.04.1895 wurde Otto von Bismarck als Ehrenbürger der Stadt Göttingen im Thorner Park eine Eiche zum 80. Geburtstag gepflanzt und ein Gedenkstein aufgestellt (Eiche wurde 2004 gefällt, im gleichen Jahr Neupflanzung). Am 18.06.1892 wurde der Bismarckturm in Göttingen eingeweiht, eine weitere Bismarck-Feuersäule (Feuer-Aussichtsaltar) auf dem Toppe folgte im Jahr 1903. Das Haus "Am Wall", Bismarcks Wohnung ("Bismarckhäuschen") als Student in Göttingen, erhielt eine Gedenktafel und wurde im Jahr 1931 als Bismarck-Gedenkstätte umgebaut.


Bauplanung

In den 1880er Jahren plante der Göttinger Verschönerungsverein, einen Aussichtsturm auf dem Kleper, dem höchsten Punkt des Hainberges (323 m über NN), zu errichten. Rechtsanwalt Dr. Herman Eckels hatte am 15.01.1886 eine Versammlung einberufen, um die Pläne vorzubereiten und einen Ausschuss zu wählen.

Zunächst war der Bau eines kostengünstigen Aussichtsturmes von 10 m Höhe geplant.

Anfang des Jahres 1892 kam ein – namentlich nicht bekannter – Bürger auf die Idee, den Turm nach dem zwei Jahre zuvor entlassenen Reichskanzler zu benennen. Auf einer Versammlung am 18. März 1892 schlug Justizrat Dr. Eckels offiziell vor, das Bauwerk dem Fürsten Otto von Bismarck zu widmen. Dieser Vorschlag wurde begeistert aufgegriffen.

Am 10. Mai 1892 genehmigte Fürst Otto von Bismarck, nach einer diesbezüglichen schriftlichen Anfrage im März 1892, das zu errichtende Bauwerk zu seinen Ehren „Bismarckturm“ zu benennen. Er schrieb u.a.: „Ich danke für die Ehre, welche mir durch die Benennung des Turmes erzeigt wird [...]“

Daraufhin wurde ein „Bismarck-Thurmbau-Verein“ unter dem Vorsitz des Landtagsabgeordneten Justizrat Dr. Herman Eckels gegründet. Weitere Vorstandsmitglieder waren Rittergutsbesitzer Eduard Hueck (stellvertretender Vorsitzender), Stadtkämmerer Carl Fröhlich (Rechnungsführer) und Weinhändler Friedrich Brenner (Schriftführer).

Über die Form des Bismarckturmes war zu diesem Zeitpunkt noch keine Entscheidung gefallen, da der Verein das Spendenaufkommen abwarten wollte.

Professor Frensdorff vom Bismarck-Turmbau-Verein verfasste einen Aufruf zum Beitritt in den Verein, mit dem man sich an die Öffentlichkeit wandte. In der Folgezeit traten 400 Personen dem Turmbauverein bei. In diesen Verein wurden, im Gegensatz zu den meisten anderen Bismarckturm-Vereinen, auch Frauen aufgenommen. Dr. Eckels forderte explizit zum Beitritt von Frauen in den Verein auf.

Entworfen wurde das Bauwerk vom Baurat Heinrich Gerber aus Göttingen.


Finanzierung

Ein weiterer Spendenaufruf erfolgte im Oktober 1893. Die Ausstattung des geplanten Turmes wurde diskutiert. Bürgermeister Merkel schlug zwecks Erlangung weiterer Spendenmittel Ringstiftungen (500 Mark für einen Mauerring von 1 m Höhe) vor. Die Kosten des Aufbaus der Umfassungsmauern betrugen ca. 500 Mark pro Meter. Wer 500 Mark bei den Ringstiftungen spendete, erwarb das Recht, eine Stein- oder Metallplatte mit Widmung und Sinnspruch in Höhe des gespendeten Mauerrings im Steigturm anbringen zu können. Insgesamt wurden 29 Ringe (davon drei Doppelringe) gestiftet. Die Spendenplatten wurden letztendlich in der Bismarckhalle im 2. OG angebracht.

Für die Ringstiftungen spendeten (Schreibweise der Widmungstafeln):
Kaiser Wilhelm II., Wilhelm König von Württemberg, Friedrich Großherzog von Baden, Albrecht Prinz von Preußen, Der Senat der freien und Hansestadt Hamburg (Doppelring), Der Senat der freien und Hansestadt Bremen, Der Senat der freien und Hansestadt Lübeck, Die Deutschen in Moskau, Treue Deutsch-Amerikaner von New York, Deutsch-Amerikaner von San Francisco/Californien, Deutsche in Zürich, Stadt Göttingen (Doppelring), Das Offizier-Corps des 2. Hessischen Infanterie-Regimentes Nr. 82, Nationalliberale Göttingens, Ober-Bürgermeister Georg Merkel, Frühere academische Bürger der Georgia Augusta in Hamburg, Ferdinand Levin, Verschönerungsverein zu Göttingen, Ferd. Reibstein, Gesellschaft zum Bären (Doppelring), Dr. H. Eckels, Des Fürstens Verehrerinnen in Darmstadt und der Provinz Starkenburg, Bürger und Bürgerinnen der Stadt Hannover, Görlitz, Corps Hannoverana, Corps Saxonia, Burschenschaft Brunsviga, Verbindung Lunaburgia, Göttinger Dilettanten-Theatergesellschaft (ohne eigene Widmungstafel)

Die Eintrittsgelder betrugen in den ersten Jahren für Erwachsene 10 und für Kinder 5 Pfennige.

Die insgesamt 43.700 Mark Baukosten wurden wie folgt finanziert:

Mitgliedsbeiträge Bismarck-Turmbau-Verein (1892-1896): 6.100 Mark
Einmalige Spendenbeiträge: 7.900 Mark
Ringstiftungen: 16.000 Mark
Bazar: 6.400 Mark
Konzerte u.a. Veranstaltungen: 600 Mark
Gartenfest nach der Einweihung: 2.700 Mark
Eintrittsgelder (bis 31.03.1898): 3.100 Mark
Zinsen der angesparten Gelder: 900 Mark

Den Einnahmen standen folgende Ausgaben gegenüber (gesamt: 43.700 Mark):

Rohbau (einschließlich Steine): 35.700 Mark
Innere Ausstattung (inkl. Bismarck-Büste): 4.500 Mark
Sonstiges (Turmwärter, Porto u.a.): 3.500 Mark


Bauarbeiten

Bereits am 28.06.1892 wurde der Grundstein des Bismarckturmes im Rahmen eines Volksfestes gelegt.

Nach der Ansprache von Oberbürgermeister Merkel legte Justizrat Dr. Eckels nach den obligatorischen drei Hammerschlägen den Grundstein des Turmes, der eine Abschrift des Bismarck-Briefes, der Satzung des Turmbauvereins u.a. enthielt. Bei der Grundsteinlegung wurden 50 Schuss Salut von den Kanonen der Stadt abgefeuert. Abends wurde eine Feier im Stadtpark ausgerichtet.

Die Bauarbeiten wurden vom Architekten Conrad Rathkamp aus Göttingen (Obmann der Göttinger Maurermeister) zum Selbstkostenpreis durchgeführt.

Weitere beteiligte Firmen / Handwerker (Stiftungen oder zum Selbstkostenpreis ausgeführt)

Tischlermeister Wilhelm Steinecke [Haupteingangstür]
Fabrikant Bernhard Schröder [Täfelung der Bismarckhalle]
Gastwirt Georg Schlote [Teil der Bausteine + Anlieferung]
Glasermeister Wilhelm Werber [Fenster der Bismarckhalle]
Glasermeister Albert Bleßmann [Fenster der Bismarckhalle]
Porzellanmaler Theodor Holborn [Wappen auf Glasfenster]
Tischlermeister Otto Marquard [Außentür am Steigturm]
Schlossermeister Louis Dehmann [Beschlag der Außentür am Steigturm]
Schlossermeister Hermann Klapproth [Beschlag Balkontür]

Als Baumaterial verwendete man Kalkbruchsteine, die teilweise in einem Steinbruch in der Nähe des Turmstandortes gebrochen wurden. Der für den Turm verwendete Sandstein für die Zierteile wurde aus Reinhausen bezogen. Die Geschossdecken und die Plattformen sind zwischen den Eisenträger gewölbt und mit Zement-Estrich versehen.

Der Rohbau stand bereits im Herbst 1894.

Ende Juli 1895 war der Bau äußerlich vollendet. Noch im Jahr 1895 trafen zwei Granittafeln aus Amerika von zwei Deutsch-Amerikanern ein. Im Dezember 1895 wurden immer noch Innenarbeiten durchgeführt. Diese Arbeiten konnten im Frühjahr 1896 beendet werden.

Der Fußboden der Bismarckhalle erhielt einen Terrazzobelag. Sämtliche Türen wurden aus Eichenholz gefertigt und mit eisernen Beschlägen versehen.

Am 03.06.1896 wurde die Einweihungsfeier kurzfristig auf Freitag, 18.06.1896 gelegt.


Turmbeschreibung

Dieser 31,50 m hohe Aussichtsturm ohne Feuerschale wurde als sechseckiger, viergeschossiger Hauptturm (Höhe 21,24 m) mit einem angefügten, 10 m höheren runden Treppenturm (Luginsland) entworfen.

Der sechseckige Hauptbau und der Rundturm des gründerzeitlichen Bruchsteinbaus mit Werksteinelementen besitzen jeweils eine Zinnenaussichtsplattform. Über eine steinerne Wendeltreppe mit insgesamt 171 Stufen im Rundturm sind die Aussichtsplattformen besteigbar. Weitere 8 Stufen nach unten führen in den Keller des Turmes.

Über ein großes Portal im dreigeschossigen Hauptbau gelangt man in die große Eingangshalle. Von hier führt eine Tür in den Rundturm.

Nach 36 Stufen und vier Absätzen gelangt man zum Zimmer im 1. Obergeschoss, nach weiteren 32 Stufen und vier Absätzen gelangt man zur Bismarck-Gedächtnishalle im 2. Obergeschoss. Die Decke der Halle erhielt eine geschnitzte Holzverkleidung. Die Wände der Halle wurden bis auf eine Höhe von 1,50 m mit einer Täfelung aus Eiche versehen. In der Mitte der Halle wurde eine bronzene Bismarckbüste, gefertigt von H. Magnussen, auf einem marmornen Sockel aufgestellt.

Die Bleiverglasung der vier 0,80 m x 3,00 m großen Fenster der Halle war mit den Wappen des Deutschen Reiches, des Fürsten Bismarck, der Provinz Hannover und der Stadt Göttingen versehen.

Nach weiteren 51 Stufen und sechs Absätzen erreicht man den Ausgang zur unteren Zinnenaussichtsplattform mit 1,10 hoher Brüstung und fünf markanten, 1,90 m Rundtürmchen an jeder Ecke.

Über weitere 52 Steinstufen und sechs Absätzen gelangt zur oberen Rund-Plattform mit einem Durchmesser von 4,00 m.

Die (heutige) runde, 1,20 m hohe Ausstiegskonstruktion aus Metall hat einen Durchmesser von 2,30 m. Die Breite des Umgangs beträgt 0,85 m. Die Höhe der steinernen Brüstung beträgt 1,10 m.


Turmgeschichte

Die feierliche Einweihung des Turmes erfolgte nach Fertigstellung der Gedächtnishalle am 18. Juni 1896 (Gedenktag der Schlacht bei Waterloo), zeitgleich mit der Einweihung des großen Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Kyffhäuser. Dr. Eckels betonte bei seiner Einweihungsrede, dass es ohne Otto von Bismarck kein Deutsches Reich, keine deutschen Kaiser und keine Nationalfeier am Kyffhäuser geben würde.

Die Festrede hielt Justizrat Dr. Eckels, an Fürst Bismarck und den Kaiser wurden Telegramme gesandt. Im Anschluss an die Feier fand ein Gartenfest im Stadtpark statt.

In der Folgezeit wurde das Bauwerk als Aussichtsturm genutzt.

Der Bismarckturm-Verein löste sich auf einer Generalversammlung am 30. März 1898 auf und übergab das Bauwerk an die Stadt Göttingen. Der Verein beschloss zudem, dass der Turm jährlich „auf ewige Zeiten“ in den Abendstunden am 01. April (Bismarcks Geburtstag) bengalisch beleuchtet werden soll. Zusätzlich sollen an diesen Abenden 21 Kanonenschüsse zu Ehren Bismarcks am Fuße des Turmes abgefeuert werden. Der Magistrat bestätigte diesen Antrag am 30.04.1898.

Am 01.04.1899 wurde das Bauwerk mit rotem bengalischem Licht befeuert. Die jährliche Illuminierung soll bis 1915 stattgefunden haben.

Im Jahr 1904 betrug die Besucherzahl 70 Personen am Tag.

Die Eintrittskosten lagen im Jahr 1921 bei 10 Pfennig pro Besucher.

In den 1920er Jahren wurde der Turmkopf des Rundturms durch Blitzschlag beschädigt.

Zur geplanten Wiederaufnahme der jährlichen Illumination des Turmes zum 01.04. im Jahre 1933 kam es aus unbekannten Gründen nicht,

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Turm geplündert, die Bismarck-Büste entwendet, ein Teil der Widmungstafeln sowie alle Scheiben wurden zerstört. Der Göttinger Verschönerungs-Verein (G.V.V.) nahm sich des Turmes im Jahr 1952 an und sanierte ihn bis zum 12. Juni 1953.

Die ursprüngliche Bismarck-Büste wurde durch eine andere Bronze-Büste Bismarcks ausgetauscht.

Im Jahr 1985 wurde der Bismarckturm erneut saniert.

Im April 2014 zeigte sich das Bauwerk innen und außen sehr gut erhalten. Die Widmungstafeln der Ring-Stifter in der Bismarck-Halle sind noch vorhanden.


Öffnungszeiten (Stand: 2016)

April bis September
Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11.30 - 18.00 Uhr
Eintritt: Erwachsene: 2 €, Kinder 1 €
Sonderöffnungen für Gruppen ab 10 Personen beim Fachdienst Stadtwald 0551/21022


Links

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Stadtplan Stadt Göttingen

Infoseite Bismarckturm der Stadt Göttingen


Quellen

- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-SÄULE von Göttingen (Niedersachsen)
- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 166
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes; 2. Jahrgang 1904 (Nr. 11/12, S. 10)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 2 "Der Bismarckturm in Göttingen", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 37 "Der Bismarckturm zu Göttingen"
- de Grousilliers, A.: Das Bismarck-Museum in Bild und Wort, Berlin 1899, S. 163/164
- Hantscher, Cornelius: „Bismarck-Denkmäler im Raum Göttingen“, 2005 (abgerufen am 02.04.2006 im Internet, nicht mehr online, ursprünglich unter www.kaee.uni-goettingen.de)
- ohne Verf.: Göttingen – Universitäts-Stadt im Grünen, 1957, hrsg: Zweckverband Wirtschaftsraum Stadt und Landkreis Göttingen, S. 103-106


Fotografen

- Andreas Weber, Kassel (März 2003)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (August 2004, April 2014)
- Hans-Dieter Hirschmann, Haßloch (April 2011)