Update: 19.02.2015

Zwanzig Feuerkästen auf der Turmspitze
Die Bismarcksäule in Marburg

Die Stadt Marburg hatte dem ehemaligen Reichskanzler aus Anlass der Vollendung seines 80. Geburtstages am 01.04.1895 zum Ehrenbürger ernannt (die Zuerkennung erfolgte am 21.02.1895). Bereits der 70. Geburtstag sowie auch spätere Geburtstage des Reichskanzlers wurden in Marburg offiziell gefeiert.


Bauplanung

Die Studentenschaft Marburg regte bereits Ende 1900/Anfang 1901 den Bau einer Bismarcksäule an. Am 29.01.1901 entschied man sich, den von der deutschen Studentenschaft preisgekrönten Entwurf "Götterdämmerung" des Architekten Wilhelm Kreis in Marburg auszuführen.

Finanziert wurde der Turm samt Grundstück u.a. durch Beiträge der Studenten, die eine halbe Mark pro Semester zahlen mussten. Auch die akademischen Lehrer unterstützen das Turmprojekt durch Spendenbeiträge. Durch die Abgaben der inkorporierten Studenten sollten jährlich etwa 2.000 Mark eingesammelt werden.

Das Aufstellen von Spendenbüchsen und öffentliche Sammlungen waren Anfang 1901 vom Oberpräsidium der Provinz Hessen-Nassau zunächst abgelehnt worden, da erst das Einvernehmen der Behörden sowie ein geeigneter Bauplatz nachgewiesen werden sollten.

Der zum Zweck der Errichtung der Bismarcksäule gebildete Studentenausschuss wandte sich an den Beigeordneten und stellvertretenden Oberbürgermeister Friedrich Siebert (1831-1918), der den Kontakt zum Magistrat herstellte und einen möglichen Bauplatz für den Bismarckturm vorschlug. Er empfahl einen Platz auf dem Lahnberg, auf dem früher Gedächtnisfeuer an die Völkerschlacht bei Leipzig (1813) und Sedanfeuer (Schlacht von Sedan 1870) entzündet worden waren.

Am 23.04.1901 führte F. Siebert mit Vertretern der Studentenschaft eine Ortsbegehung durch und schlug dabei vor, den ausgewählten, 10,2 Ar großen Acker „Am Kaff“ auf dem Lahnberg  vom Rentner W. Römheldt zum Preis von 400 Mark zu kaufen. Die Studentenvertreter waren mit diesem Vorschlag einverstanden, die Stadtverordnetenversammlung stimmte dem Beschluss am 11.06.1901 zu.

Am 11.07.1901 wandte sich der Studentenausschuss erneut bezüglich der Erlaubnis von Spendensammlungen an das Oberpräsidium in Kassel, um letztendlich die Genehmigung für das Aufstellen von Spendenbüchsen „in geeigneten Lokalen“ zu erhalten.

Die Baukosten wurden vom Regierungspräsident auf 12.000 – 15.000 Mark geschätzt, der zudem die Errichtung der Bismarcksäule für finanziell gesichert hielt. Die Genehmigung zur Durchführung von öffentlichen Sammlungen erteilte der Oberpräsident am 17.08.1901.

Die Marburger Studentenschaft ließ nun einen Spendenaufruf drucken und bat „Bürger und Studenten“ um Spenden.

Zudem konstituierte sich ein „Ausschuss zur Errichtung einer Bismarcksäule“.

Der Ausschuss bestand aus drei Mitgliedern des akademischen Lehrkörpers und der Bürgerschaft (Vorsitzender: Stellvertretender Oberbürgermeister und Apotheker Friedrich Siebert (1831-1918, seit dem 05.07.1901 Ehrenbürger der Stadt Marburg), Stellvertretender Vorsitzender: Prof. Dr. Fr. André, Schatzmeister: Stadtrat Otto Binder) sowie fünf Vertretern der beteiligten Studenten-Verbindungen (SBV Frankonia, Landsmannschaft Hasso-Borussia Marburg, Theologischer Verein, KStV Thuringia und Akademischer Turnbund).

Der Ausschuss veröffentlichte im April 1902 einen offiziellen Spendenaufruf an die Studenten- und Einwohnerschaft. Die Baukosten wurden hier bereits mit 15.000 – 18.000 Mark veranschlagt.

Die bis April 1902 gesammelten Spendenmittel lagen bei 4.000 Mark.

Am 10.07.1902 wurde ein Festkommers zum Besten der Bismarcksäule ausgerichtet, an dem sämtliche im Studentenausschuss vertretende Korporationen teilnahmen.

Weitere Spenden sammelte man nun zusätzlich durch öffentliche Haus-zu-Haus-Sammlungen sowie durch zwei Festveranstaltungen ("Bismarck-Abende" am 14.11 und 16.11.1902) im Museums-Saal von Marburg.

Im Dezember 1902 wurden seitens des Ausschusses konkrete Vorbereitungen zur Errichtung des Bauwerkes getroffen. Den Auftrag zur Bauausführung erhielt das Marburger Architektenbüro Reising und Ziggel. Friedrich Siebert hatte zur gleichen Zeit Kontakt mit dem Architekten Wilhelm Kreis aufgenommen, mit dem er sich auf ein Entwurfs-Honorar von 300 Mark einigte.

Im Januar 1903 wurde die ursprünglich geplante Höhe des Turmes von 12,70 m auf 16 m nach oben korrigiert (die tatsächliche Höhe beträgt 15 m, die Differenz von einem Meter erklärt sich durch die ca. 1 m hohe Aufschüttung des Bauplatzes).

Die Gesamtkosten betrugen ca. 17.000 Mark.


Bauarbeiten

Der Baubeginn wurde auf den 01.02.1903 terminiert, am 21.06.1903 sollte eine Gedenktafel enthüllt und am 02.09. oder 18.10.1903 der fertige Turm eingeweiht werden.

Am 20.03.1903 trafen die Bauzeichnungen des Architekten Wilhelm Kreis in Marburg ein. Erst kurz darauf begannen am Bauplatz die Erdarbeiten sowie die Anfuhr der Bausteine.

Als Baumaterial für den Turm verwendete man roten Sandstein, der im Sockel grob, im Mittelteil und Dachaufbau sorgfältiger behauen worden war. Der Sandstein wurde in der Nähe des Bauplatzes („Lichten Küppel“) gebrochen.

Am 24.03.1903 entschied sich der Vorbereitungsausschuss, dass am Turm keine Gedenktafel befestigt werden sollte, aber dafür über der Eingangstür ein Denkstein mit einer Inschrift angebracht werden sollte. Friedrich Siebert erhielt gleichzeitig die Vollmacht als Bauherr der Bismarcksäule. Dieser wandelte den Entwurf von Wilhelm Kreis in einigen Details ab.

Änderungen des Bauherrn Siebert im Vergleich zum Entwurf von Wilhelm Kreis:

- Es wurde auf einen Sockelumgang verzichtet.

- Es wurde nur ein Treppenaufgang zur Terrasse ausgeführt, zuvor waren drei Treppenaufgänge vorgesehen.

- Die Turmdecke wurde aus Beton statt aus Sandstein gefertigt.

- Statt eines Reichsadlerreliefs wurde im Mai 1903 Bildhauer Dauber mit der Fertigung eines speziellen Bismarckwappens beauftragt.

Ende März 1903 konnte man sich nicht einigen, ob die Bismarcksäule als reine Feuersäule oder als Aussichtsturm gebaut werden sollte. Im Kostenvoranschlag des Architektenbüros Reising und Ziggel aus Marburg vom 12.12.1902 war eine freitragende Wendeltreppe, in einem von beiden eingereichten Entwürfen von Wilhelm Kreis waren einfache Steigeisen vorgesehen. Am 20.04.1903 entschieden sich Bauherr und Bauunternehmer für den Einbau einer Sandsteintreppe und damit für die zusätzliche Funktion als Aussichtsturm.

Am 27.05.1903 stiftete ein Mitglied des Marburger akademischen Lehrkörpers 1.000 Mark für den Baufonds. Am gleichen Tag wurde über dem Eingang der "Denkstein" mit der Inschrift

"ERRICHTET VON DEN STUDENTEN/
UND BÜRGERN MARBURGS.1903
"

angebracht.

Durch die Änderungen verzögerte sich die Fertigstellung des Turmes. Im Juli 1903 projektierte der Bauherr den Abschluss der Bauarbeiten auf Oktober 1903 und plante die Einweihung für den 21.06.1904.

Die Terrasse des Turmes wurde Mitte November 1903 aufgeschüttet, die Schlosserarbeiten auf der Turmkrone wurden zum Jahreswechsel 1903/1904 abgeschlossen.

Noch vor der endgültigen Fertigstellung des Bauwerkes wurde das Umfeld des Turmes geplant. Zweckgerichtet gingen Spenden für die Anlegung des Geländes um den Turm ein. Mehrere Grundstücke aus der Nachbarschaft wurden Ende 1903 und Anfang 1904 gekauft oder zur Schaffung einer größeren Fläche getauscht.


Turmbeschreibung

Der 15 m hohe Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit wurde ohne Podeststufen ausgeführt. Der dreifach leicht gestufte quadratische Turmsockel ist 2,75 m hoch und hat unten eine Seitenlänge von 8,75 m.

Über eine vierstufige Treppe ist die Eingangstür erreichbar.

Oberhalb des Sockels schließt sich der 6 m breite und 7,50 m hohe Turmschaft an.

Die vier Kanten des Schaftes bestehen - wie bei dem Entwurf "Götterdämmerung" typisch - aus Dreiviertelsäulen, die von einem Architrav zusammengehalten werden. Die Kanten sind abgerundet, das Wandfeld am Turmschaft zwischen den Kanten entspricht dem Durchmesser einer Kante.

Im oberen Drittel des Säulenschaftes der Eingangsseite, direkt unterhalb des umlaufenden Bandes, ist ein Wappenfeld mit einem Wappenrelief der Familie von Bismarck (ein mit drei Eichenblättern bestecktes Kleeblatt, verziert mit einem gekrönten Helm, zwei Büffelhörnern und einer Blätterkrone), gefertigt von Bildhauer Dauber aus Marburg, eingelassen.

Oberhalb des Turmschaftes kragt der Turmkopf in Form eines kapitellartigen Aufbaus leicht aus. Das breite Gesims geht in den vierstufigen Dachaufbau über.

Eine begehbare Aussichtsplattform in der Turmkrone schließt den Turm nach oben hin ab. Eiserne Schienen waren hier ausgelegt, die ca. einen halben Meter über die Steinumfassung ragten. In diese Schienen wurden außen die zwanzig "Feuerkästen" aus Blech zwecks Befeuerung des Turmes eingehängt. Dadurch war eine ausreichende Luftzirkulation gewährleistet, zudem wurden die Steineinfassungen vor zu starker Erhitzung geschützt.
Die eisernen Schienen und die Blechkästen (gefertigt aus altem Blech eines Gasometers von der Fa. Wilk aus Eisenach) wurden nach Gebrauch im Turm aufbewahrt.

Durch die talseitig gelegene Tür gelangt man über 63 Stufen einer freitragenden Treppe mit eisernem Geländer zur Aussichtsplattform. Die Plattform war über eine hölzerne Falltür zu erreichen.


Turmgeschichte

An der Einweihungsfeier am So., 21.06.1904 nahmen offiziell 454 Besucher (Studenten) teil. Der Ausschuss für die Errichtung einer Bismarcksäule war offiziell der Veranstalter der Einweihungsfeier, der Allgemeine Studentenausschuss hatte das Datum der Einweihung zuvor festgelegt.

Die Säule wurde den städtischen Behörden „zum Schutz und Schirm“ übergeben.

Nach der Schlüsselübergabe durch einen Vertreter der Studentenschaft an die Stadtverwaltung und mehreren Ansprachen folgte ein Fackelzug der Studenten zum Kämpfrasen (große Freifläche unterhalb der Oberstadt, heute Standort der Kasernen). Die erste Befeuerung wurde (nicht genau belegbar) am Einweihungstag durchgeführt.

Die Blechkästen wurden zwecks Befeuerung mit 250 l Petroleum und 20 kg Kolophonium befüllt. Zusätzlich lag in jedem Kasten ein 1,20 m langes und hochkant gestelltes, zuvor in Petroleum getränktes Kiefernholz (Durchmesser 8-10 cm), welches die Brenndauer auf ca. 45 - 60 Minuten verlängerte.
Die Kästen standen frei, ca. 0,50 m über der Brüstungsmauer.
Die Kiefernhölzer waren mit einer Zündschnur verbunden. Die Flammenhöhe betrug 10-15 m (bei kräftigem Luftzug durch die geöffnete Turmtür und Falltür) bei einer Brenndauer von etwa einer Stunde.

Nach Beschluss der Studentenschaft sollte der Turm jedes Jahr am 01.04. und am 21.06. befeuert werden.
Im Jahr 1932 lag die Brenndauer nach Auskunft des Bauamtes bei 90 - 120 Minuten bei einer Flammenhöhe von 1,50 – 2 m.

Bis 1915 gab es, mit Ausnahme am 01.04.1914 (wegen eines Streites innerhalb der Studentenschaft), Sonnenwendfeiern und Feiern am 01. April (Bismarcks Geburtstag) mit Befeuerung.

Auch bei studentischen Maifeiern wurde der Bismarckturm genutzt und bengalisch beleuchtet.

Am 31.03.1915 (in der Karwoche, in der grundsätzlich keine „Vergnügungen“ geduldet wurden) ordnete Oberbürgermeister Paul Troje die Befeuerung an. Im Ersten Weltkrieg nahmen viele Studenten am Krieg teil und die Bismarckfeiern fielen daher aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich der politische Kontext verändert. Eine geplante Bismarckfeier am Bismarckturm im Jahre 1919 wurde vom Sozialdemokratischen Wahlverein als Provokation angesehen, da diese „geeignet ist, die Erinnerung an die alte, glücklich überwundene Herrschaft wachzurufen“. Die geplante Feier wurde durchgeführt, nachdem der Veranstalter in der Presse erklärte, dass die Feier „keinen agitatorischen Charakter“ habe.

Im Jahr 1919 musste die Brüstungsmauer aufgrund von Hitzeschäden durch die zahlreichen Befeuerungen repariert werde.

In der Zeit der Weimarer Republik fanden vereinzelt Sonnenwend- und Bismarckfeiern, meist organisiert von rechtsstehenden Gruppierungen, Verbänden und Parteien, statt. Von 1921 - 1925 wurden keine Befeuerungen zu Bismarcks Geburtstag mehr durchgeführt. Im Jahr 1926 wurde das Bauwerk am 21. und 22. Juni beflammt. Im Jahr 1927 wurden die Blechkästen erneuert, sodass der Turm im gleichen Jahr nicht befeuert werden konnte.

Ab 1935 wurden bei den Sonnenwendfeiern (ab 1938 im Rahmen von SA-Feiern) Feuer vor dem Turm entzündet. Im Jahr 1940 verbot der Oberbefehlshaber der Luftwaffe das Abbrennen von Sonnenwendfeuern.

Im Sommer 1944 wurden in der Nähe des Bauwerkes Baracken errichtet, die als Kreisschulungslager genutzt wurden.

Der Bismarckturm wurde im Jahr 1949 gesäubert, kleinere optische Verschönerungen wurden durchgeführt.

Die Schutzhütte "Sieberts Ruh" wurde im Jahr 1954 zum 50-jährigen Turmjubiläum in der Nähe des Turmes vom Verschönerungsverein Marburg errichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden keine Bismarck-Gedenkfeuer oder Gedenkveranstaltungen am Turm durchgeführt.

Im Jahr 1960 (Oberhessischer Gebirgsverein) und im Jahr 1963 (Hansenhausgemeinde) gab es Anträge, um den Bismarckturm als Aussichtsturm herzurichten, die jedoch abgelehnt wurden. Anfragen zur Nutzung als Sternwarte wurde 1959 und 1963 ebenfalls verneint.

Ab 1965 entstand um den Turm eine Parkanlage mit Ruhebänken.

Eisengestänge und Blechwannen auf dem Turmkopf wurden im Jahr 1966 entfernt. Der Turmkopf wurde mit Holz und Dachpappe zum Zwecke eines Witterungsschutzes abgedeckt.

Seit 1967 wurde der Turm von der Hansenhaus-Gemeinde (eingetragener Verein) genutzt. Der Eingangsbereich des Turmes diente über viele Jahre hinweg als Stuhllager.

Im Jahr 1970 wurde der Turm an das Stromnetz angeschlossen. Im Turm wurde nun eine elektrische Beleuchtung installiert.

Ein Antrag auf Illuminierung des Bauwerkes wurde im April 1990 abgelehnt.

1992 wurde die Außen-Treppe zum Turm erneuert.

Vom 18. bis 20.06.2004 wurde das 100-jährige Jubiläum der Bismarcksäule zusammen mit den 40-jährigen Jubiläen der benachbarten Kindertagesstätte und der Gerhart-Hauptmann-Schule gefeiert. Programmpunkte waren u.a. ein Jubiläumskonzert und ein Gottesdienst am Bismarckturm.

Der Turm ist ganzjährig verschlossen.


Links

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Hansenhaus-Gemeinde 1934 e.V.


Bildmaterilal

- Jörg Bielefeld, Remscheid (April 2003, Oktober 2005, Oktober 2009 und historische AK-Motive)


Quellen

- Hussong, Ulrich: Der Bismarckturm in Marburg, Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur, Band 47, Rathaus-Verlag, Marburg 1993
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von MARBURG (Hessen)
- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 264
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 101 "Bismarck-Feuersäule bei Marburg a.d. Lahn", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)


Foto Befeuerung der Bismarcksäule Marburg am 20. Juni 1932