Update: 19.02.2015

Die höchste „Götterdämmerung“
Der Bismarckturm in Kassel

Vorbemerkung

Mit 25,50 m Höhe ist der Kasseler Bismarckturm der höchste von 47 Bismarcksäulen nach dem preisgekrönten Entwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis.


Bauplanung

Der Assessor Dr. jur. Franz Winterstein, 1. Vorsitzender der Ortsgruppe Kassel des Alldeutschen Verbandes, regte am 08.02.1900 auf einer Versammlung den Bau der Kasseler Bismarcksäule an.

Es wurde ein geschäftsführender Ausschuss zur Errichtung einer Bismarcksäule in Kassel unter Vorsitz des Reichs- und Landtagsabgeordneten Dr. Endemann (später abgelöst durch den Kasseler Oberbürgermeister August Müller) gegründet. Der engere Ausschuss bestand aus zwölf Mitgliedern, der weitere Ausschuss aus 55 Mitgliedern stammte aus allen Kreisen der Kasseler Einwohnerschaft.

Am 24.04.1900 stellte der Ausschuss beim Regierungspräsidenten einen Antrag zur Genehmigung einer Haussammlung, der am 05.05.1900 genehmigt wurde. Bis September 1900 war das Spendenaufkommen zunächst schwach, sodass noch einmal an die Spendenfreude der Bürgerschaft appelliert wurde.

Als Turmstandort wählte man nach eingehender Diskussion innerhalb des Ausschusses von zehn möglichen Bauplätzen den Brasselsberg im Habichtswald (434 m über NN) aus. Weitere diskutierte Standorte waren "Am Lindenberg" bei Bettenhausen, der Kratzenberg bei Kassel, der Rammelsberg bei Wahlershausen, die Drei Linden in der Ochsenallee hinter Kirchditmold und der Enkeberg bei Wolfsanger. Bei der Endausscheidung blieben nur der Enke- und der Brasselsberg über. Für letzteren entschied man sich wegen der besseren Sichtbarkeit.

Nach einer durchgeführten Bauentwurfs-Ausschreibung bestimmte der Ausschuss zunächst den Entwurf des Architekten Epstein als Sieger-Entwurf, der zweite und dritte Preis wurde dem Architekten Fanghänel zuerkannt. Letztendlich entschied sich der Ausschuss für den von der deutschen Studentenschaft preisgekrönten Entwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis. Insgesamt waren 28 Entwürfe eingegangen.

Der Entwurf des Architekten Kreis wurde angekauft, eine finanzielle Unterstützung seitens der Stadt fand bis Ende 1902 nicht statt.

Am 06.08.1903 bat die Oberförsterei Kirchditmold bei Kassel, Distrikt 17, das Ministerium für Landwirtschaft in Berlin um Genehmigung zum Bau der Bismarcksäule. Im Antwortschreiben vom 18.09.1903 wurden der Bauplatz mit 1000 m² und ein vorgelagerter Festplatz auf eine Größe von 4300 m² zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Zudem sollten Basaltlesesteine zum Preis von 15 Pfennig pro m³ aus den Distrikten 17 und 18 der Oberförsterei abgegeben werden.

Die Gesamtkosten für den Turmbau betrugen 32.500 Mark.


Bauarbeiten

Die Fundamentierungsarbeiten für den Turm wurden bereits im Jahr 1903 durchgeführt. Der eigentliche Baubeginn war der 15. Februar 1904.

Unter Leitung des Stadtbauamtes übernahm der Architekt F. Zahn jun. aus Kassel die Bauausführung.

Der Turm wurde zweischalig errichtet: Das Tragmauerwerk wurde aus Basaltsteinen, die Verblendung mit Tuffstein ausgeführt. Das Baumaterial wurde größtenteils auf dem Brasselsberg gewonnen. Die Treppenanlage wurde aus Basaltlava hergestellt. Die obere Plattform und die eingezogenen Decken wurden als Betondecken mit Eisenträgern konstruiert.

Im August 1904 konnten die Bauarbeiten beendet werden.

Auf eine Grundsteinlegung wurde verzichtet. Knapp sieben Monate nach Baubeginn, am 02. September 1904 (Sedantag), konnte die nun fertig gestellte Bismarcksäule eingeweiht werden.


Turmbeschreibung

Als Basis des Aussichtsturmes mit Befeuerungsvorrichtung dient ein zweistufiges quadratisches Podest.

Die untere Podeststufe ist 13,46 m x 13,46 m und die obere Stufe 11,06 m x 11,06 m breit. Die beiden Podeststufen sind jeweils einen Meter hoch.

Darauf erhebt sich der quadratische Turmsockel mit einer Kantenlänge von 8,66 m x 8,66 m.

Eine 2,92 m lange Stein-Treppe mit zehn Stufen führt auf der Eingangsseite über die beiden Podeststufen zur Eingangstür.

Am Türsturz ist die Inschrift „BISMARCK“, auf der gleichen Turmseite oben zwischen den Säulenschäften ist ein ca. 2 m hohes Reichsadlerrelief angebracht.

Die vier Kanten des Schaftes bestehen - wie bei dem Entwurf "Götterdämmerung" typisch - aus Dreiviertelsäulen, die von einem Architrav mit dreistufigem Oberbau zusammengehalten werden.

Über eine Steintreppe mit 86 Stufen gelangt man ins obere Geschoss des Turmes in 15,48 m Höhe. Von dort aus geht es über 25 Stufen über eine eiserne Wendeltreppe zur quadratischen Aussichtsplattform mit einem Innendurchmesser von 4,92 m x 4,92 m.


Befeuerung

Die Säule sollte ursprünglich wie in anderen Städten an bestimmten Tagen zu Bismarcks Ehren befeuert werden. Zu diesem Zweck wurde die Aussichtsplattform mit 40 abnehmbaren Feuerkästen (Länge je 0,60 m) bestückt. Jeder Kasten wurde mit 2 kg Rotfeuer gefüllt. Die Forstverwaltung untersagte wegen Waldbrandgefahr die geplante Befeuerung des Turmes.


Turmgeschichte

Am Freitag, den 02. September 1904 setzte sich um 15:00 Uhr ein Festzug von 1.200 Personen in Richtung Turm in Bewegung. Nach einem Festakt am Aussichtsturm (16:00 Uhr) wurde die Einweihung bis zum Einbruch der Dunkelheit gefeiert. Die Festrede hielt Realschul-Direktor Dr. Harnisch. Die Besucherzahl bei der Einweihungsfeier wurde in der Lokalpresse mit 8.000 – 9.000 angegeben. Die Feier verlief störungsfrei, obwohl einige Tage zuvor die „Hessische Rechtspartei“ Protestflugblätter wegen der Erniedrigung Hessens durch Bismarck seit 1866 verteilt hatte.

Bis in den späten Herbst 1904 wurde die Bismarcksäule sehr gut besucht. Im Frühjahr 1905 fehlten immer noch 5.000 Mark an den Gesamtkosten. Der Ausschuss stellte daraufhin einen Antrag an die städtischen Behörden, für den Fehlbetrag aufzukommen. Die Stadtverordnetenversammlung stimme diesem Antrag (bei vier Gegenstimmen) zu.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden am Turm regelmäßig am Sedantag Gedenkfeiern durchgeführt. Ab 1911/12 wurden an der Bismarcksäule jährlich zweimal die Bergfeste „Heimchen“ des Töchterheims am Brasselsberg gefeiert. Die Bergfeste wurden bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges durchgeführt.

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges erlitt der Turm einige Schäden an der Brüstung, die im Frühjahr 1951 für ca. 400 Mark von der Stadtbauverwaltung ausgebessert wurden.

Das Bauwerk wurde ab dem 01.05.1947 offiziell in Brasselsbergturm umbenannt. Im amtlichen Straßenverzeichnis von 1947 und auf damaligen Plänen wird der Turm mit diesem Namen bezeichnet. Der neue Name bürgerte sich aber nicht ein. Bereits wenige Jahre später wurde er auf Land- und Straßenkarten wieder Bismarckturm genannt. In der Kasseler Bevölkerung hatte sich der neue Name ebenfalls nicht durchgesetzt.

Am 28. Mai 1962 um 18:40 Uhr wurde der Turm durch Blitzschlag bei einem Gewitter beschädigt. Einige Steinbrocken der Balustrade auf der Nordwestseite lösten sich und fielen in die Tiefe. Der Turm wurde daraufhin gesperrt.

Erst fünf Jahre später, am 15.04.1967, konnte das Bauwerk nach Durchführung von Maurer-, Beton- und Schlosserarbeiten wiedereröffnet werden. Die Kosten betrugen insgesamt 23.000 DM, davon wurden 10.000 DM von einigen Kasseler Firmen gespendet, 13.000 Mark gab die Stadt Kassel zur Sanierung dazu.

Die Betreuung der Bismarcksäule übernahm ab sofort der Hessisch-Waldeckische Gebirgs- und Heimatverein.

Im Jahr 1992 richtete der Künstler Wolfgang Heinrich Fischer einen starken 30-Watt Argon-Ionen-Laser auf den Kasseler Bismarckturm, um auf das Projekt „Wahrzeichen Reichstag“ (Illumination des Reichstages) aufmerksam zu machen.

Wegen Vandalismusschäden musste das Bauwerk im Jahre 1995 wiederum für Besucher gesperrt werden.

Ab August 1996 konnten die beschädigte Turmkrone und der Turmschaft für 400.000 DM saniert werden. Teilweise wurde der Turm außen mit neuen Tuffsteinblöcken verblendet. Am 10. Oktober 1997 wurde der sanierte Bismarckturm dem hessischen Forstamt Kassel übergeben und war bis Mitte 2008 durchgehend geöffnet.

Am 02. September 2004 wurde die Bismarcksäule 100 Jahre alt. Das Jubiläum wurde an diesem Tag direkt am Turm im kleinen Rahmen gefeiert.

Eine Landschaftstafel auf der Aussichtsplattform wurde bei dieser Feier eingeweiht. In den Gemeinderäumen der Emmauskirche am Brasselsberg organisierte Bernhard Rüffert aus Kassel eine mehrwöchige Ausstellung zur Turmgeschichte.

Im Jahr 2010 wurde das wegen Treppenschäden seit Mitte 2008 für Besucher gesperrte Bauwerk für 90.000 € vom Land Hessen saniert. Bei diesen Maßnahmen wurde eine neue Edelstahltreppe mit 120 Stufen eingebaut.

Seit Oktober 2010 ist der Bismarckturm auf dem Brasselsberg wieder täglich 24 Stunden geöffnet.

Zur 1100-Jahr-Feier der Stadt Kassel im Jahr 2013 fanden mehrere Aktivitäten am Bismarckturm Kassel statt. Am 08.06.2013 wurde das Bauwerk nach Einbruch der Dämmerung illuminiert, am 13.06.2013 um 19:00 Uhr fand das Bergfest am Bismarckturm mit Benefizkonzert statt.


Links

Google Maps

Google Earth


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 220
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 105 "Bismarck-Feuersäule bei Cassel", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes, 2. Jahrgang 1904 (Nr. 6, S. 2; Nr. 9, S. 2; Nr. 11/12, S. 9), 3. Jahrgang 1905 (Nr. 2, S. 6; Nr. 5, S. 7), 5. Jahrgang 1907 (Beilage: „Die Bismarck-Feuersäule“)
- Deutsche Bauzeitung, 38 (1904), S. 484
- Viehmann, Dorothea: "Der Bismarckturm auf dem Brasselsberg im Habichtswald", in: Heimatbrief des Heimatvereins Kassel-Niederzwehren e.V., 23. Jg. 1979, Nr. 2 / "80 Jahre Bismarckturm auf dem Brasselsberg", 28. Jg. 1984; Nr. 3
- Kemler, Herbert: "Die Wacht am Brasselsberg - 100 Jahre Bismarckturm in Kassel", Rede vom 02.09.2004 (Manuskript der Rede)


Fotos

- Andreas Weber, Kassel (September 2003)
- Bernhard Rüffert, Kassel (September 2004)
- Lars Lenzner, Hückeswagen (August 2005 + Juni 2009)